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Und Schuld ist der Jud'

Die abendliche Busfahrt hat mich zu einem neuerlichen Eintrag inspiriert. Besser: Zu einer Episode aus meinem Leben. Episode ist vielleicht auch mehr gesagt, als an Inhalt geboten wird, aber scheiße können fünfundvierzig Minuten Geschichts-Leistungskurs allemal sein, wenn man mit Leuten umgeben ist, die dumm sind. Genauer kann man das eigentlich gar nicht umschreiben. Dumm.
Was genau nimmt man im Geschichts-Leistungskurs eines dritten Abitursemesters im Einzelnen durch? Man könnte denken man geht dahin um sein Weltbild ein wenig zu erweitern, vor allem, wenn man da sogar Samstags sein muss und die Schule, an der man lernt als Motto Internationalität hat. In Wahrheit gehts aber um Preussen und um Aufklärung. Und wenn dann der, der den Lehrplan schreibt, feststellt, dass Thomas Hobbes, John Locke oder Jean-Jacques Rousseau gar keine Preussen im näheren Sinne sind (eigentlich auch weniger im weiteren), dann kommt man doch noch mal kurz aus Preussen raus. Aber auch nur, wenn der Lehrer ein ganz ein mutiger ist. Natürlich ist ein guter Alt-68er - und ich glaube, so gut wie alle Geschichtslehrer, denen ich je begegnen durfte, sind Alt-68er - an dieser Stelle nicht in der Lage, mal keinen Bogen in die Moderne zu schlagen. Es ist ja schließlich die Aufgabe eines guten Alt-68ers, die Schüler auf gewisse oder ungewisse Zusammenhänge, hinzuweisen. So wird schnell festgestellt, dass die drei oben genannten Aufklärer ganz, ganz wichtige sind und die haben ja auch geholfen, Grundrechte und so Zeug zu formulieren und das ist ja auch wirklich wichtig undso. Nachdem das gesagt ist, sind fünf Minuten vergangen und man ist endlich so weit, sich den aber jetzt echt wichtigen Dingen zuzuwenden. Was ist wichtiger als Hobbes? Vielleicht Descartes? Nichts da, es geht natürlich um den Gemeinen Amerikaner. Denn einen geschichtsinteressierten Alt-68er und die geschichtsinteressierten, zukünftigen oder gescheiterten Abiturienten interessiert nichts mehr, als der Gemeine Amerikaner und wie die dumme Sau jetzt einsehen muss, dass der Muselmann seinen Frauen trotz Demokratie gern weiter unterdrückt.
Während ich schon innerlich auf der künftigen Beleidigungen zusammengesackt bin, ist mir ein Artikel aus Der Zeit eingefallen, der sich vor einer Weile mit den Zuständen im Iran beschäftigt hat. Ich versteh nicht allzu viel von Textanalyse, muss ich zugeben, ich weiß nicht mal, was ein Aphorismus ist und ob der irgendwas mit dem Artikel in der Zeit zu tun hat, aber die inhaltliche Aussage des Artikels war in etwa so:
Das iranische Parlament hat kürzlich ein Gesetz verabschiedet, demnach ehebrüchige Frauen von nun an nicht mehr ab einem Alter von neun, nein, sondern erst ab zehn Jahren hingerichtet werden dürfen. Was das ganze aber nocht toller macht, ist, dass diese nicht mehr gesteinigt, sondern nur noch gehängt werden. Und das ist doch wirklich schon fortschrittlich oder?
Also zurück; der Amerikaner muss einsehen, dass der Moslem doch einige seiner Sitten in die neue Demokratie übernehmen möchte. Islamische Sitten bezieht sich in dem Fall auf die von Herrn Al-Dschaafari angesprochene Scharia.
Ja, das sei ja alles nicht so schön, aber eine Demokratisierung sei ja ein langwährender Prozess und man müsse Verständnis haben und dürfe keine engstirnige Bush-Weltsicht an den Tag legen. Jene Aussage erinnerte mich an den eben erwähnten Artikel aus Der Zeit. Wie auch immer, es ist ja auch gar nichts schlimmes an den meisten islamischen Sitten, wie z.B. den Kopftüchern im Iran, die sich der Muselmann bestimmt auch in einer funktionierenden Demokratie nicht nehmen ließe.
Da ist mir dann was ganz dummes passiert. Mir ist aufgefallen, dass es eine seltsame Demokratie wäre, in der sich die Frauen weiter unterdrücken lassen müssen. Der erste Einwurf kam prompt von einem persischen Mitschüler und lautete in etwa: "Was geht es dich denn an, was wir mit unseren Frauen machen?!"
Ich war natürlich sofort überzeugt, wollte meinen Fehler eingestehen, als ein ganz weltoffenes Mädel mich von hinten Anfuhr, was ich denn von Unterdrückung im Iran wisse, wo ich doch weder da war, noch je den Koran gelesen habe. Stimmt auch. Genauso wenig war ich je im Kasachstan, dennoch glaube ich, dass er genau da liegt, wo die Landkarte ihn beschreibt o__o
Nun denn, der Alt-68er musste sich dann auch wieder - etwas ruhiger - zu Wort melden und mich in aller Form darauf hinweisen, dass ich doch bitte nicht solch undemokratische Tendenzen in den arabischen Staaten, mit so etwas harmlosen, wie dem Kopftuch in Verbindung bringen solle.
Mir fiel dann ehrlichgesagt auch nichts besseres mehr ein, als nochmal nachzufragen, was genau mit Frauen im Iran passiert, die ihrer umfangreichen Rechte Gebrauch machen und ihr Kopftuch für einen Nachmittag in aller Öffentlichkeit nicht tragen. Irgendwie war das Thema mit der Frage beendet und man widmete sich dem Problem, ob Demokratien wirklich durch kriegerische Auseinandersetzungen entstehen, wie das der Wahnsinnige im Westen doch meint oder ob sie durch friedliche Prozesse entstehen, wie Ghandi uns lehrt. Ich war mir da ja nicht ganz sicher und zum Glück noch ein weiterer Mitschüler nicht, sonst wärs mir komisch zumute gewesen, der Rest war sich jedoch einig. Demokratien entstehen friedlich, durch gewaltlosen Widerstand. Fragt man dann, wie die Leute in Nord-Korea das machen sollen, gibts eine Lieblingsantwort: "Wenn die Demokratie wollen, dann tun sie auch was dafür!"
Geht man dem nach, also, will man wissen, wie genau die das anstellen, wo doch von den 19 Millionen Bürgern dieses Staates, 1,1Mio gut bezahlte, regierungstreue Soldaten sind, während ein Drittel von den 19 Millionen ohne ständige, internationale Hilfe längst verhungert wären, passiert etwas interessantes: "Trotzdem. Wenn die Demokratie wollen, dann tun sie auch was dafür!" Bevor man da weiter drauf eingehen kann, kommt dann: "Johannes, nenn mir doch mal drei Länder, wo nach einem Krieg erfolgreich eine Demokratie installiert wurde." "Okeh, Deutschland, Japan, Frankreich, vielleicht noch mehr?","neh du, reicht."
...
Johannes: "Weißt du, wenn man den Koreakrieg damals mit aller Konsequenz geführt hätte, hätten wir uns vielleicht gerade gar nicht über Nord-Korea unterhalten müssen, weil es nach dem Abtreten Syngman Rhees Ende der 50er vielleicht eine Demokratie für die gesamte Halbinsel gegeben hätte".
Antwort:"Is ne interessante Theorie"
Johannes: "Wieso Theorie?"
Antwort:"Wer oder was ist Syngman Rhee?"
Dass das keine Backmischung von Bahlsen ist, hab ich in dem Moment leider nicht erwähnt-.-

So verläuft sich das dann im Sand und die Stunde ist zum Glück irgendwann wieder vorbei und ein neuer, etwas langweiligerer Abschnitt meines Lebens ist gemeistert und das Livejournal zum ersten Mal als Tagebuch genutzt.
In der Pause hab ich dann noch erfahren, dass man ja verstehen muss, dass sich Muselmanns in die Luft sprengen und Atombomben bauen wollen, wo doch die Juden das alles unterwerfen und in alles, was arabisch ist eindringen(...?).
Da merkt man dann vorsichtig an, dass Haffiz al-Assad, seines Zeichens nach Außenminister von Syrien, 1967 in aller Öffentlichkeit und im Einklang mit dem Regierungsoberhaupt zur Vernichtung aller Juden aufgerufen hat und bekommt entgegnet: "Aber trotzdem. Und außerdem stecken die Juden ja auch überall in Amerika mit drin und die wollen das alles ja nur als Kolonie undso."
Ich hab mir dann ein Cornetto gekauft. Cornetto ist kein italienischer Mafiosi oder Menschenrechtler, sondern ein Eis von Langnese - derzeit.

Naja, das mit der zionistischen Verschwörung, davon hat schonmal einer geredet glaub ich. Ganz nett, wie diese Ansichten so die verschiedenen politischen Spektren bewandern. Darum, Faßbinder im Betreff.

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